Was von mir bleibt · Roman
Kalter Kaffee
Der Mann auf dem Foto hielt eine Schere, als müsse er dem roten Band die Kehle durchschneiden. Martin rückte das Bild an den Rand des Dokuments. Nun sah der Mann weniger entschlossen aus. Ein Stück Bürgermeisterarm fehlte, aber dafür konnte der Satz darunter bleiben.
»Räume für morgen.«
Er las ihn laut. Im Zimmer stand außer ihm ein Wäscheständer, auf dem seit Sonntag drei Hemden hingen. Eines hatte an der Schulter eine harte Falte bekommen. Räume für morgen konnte er anbieten, mit heute wurde es eng.
Der Auftrag war klein gewesen, bevor er ihn angenommen hatte: ein Text für eine Projektbroschüre, achthundert Wörter, freundlich, nicht werblich, auf keinen Fall kritisch. Eine ehemalige Lagerhalle sollte nach dem Umbau Unternehmen aus dem Kreativbereich aufnehmen. Die Agentur hatte ihm Bilder von Menschen geschickt, die an schmalen Tischen saßen und sich offensichtlich seit Stunden über denselben Laptop freuten. Im ersten Briefing hatte »gewachsene Nachbarschaft« gestanden. Im zweiten war die Nachbarschaft zu einer »attraktiven Lage« geworden. Martin hatte die Formulierung zurückgesetzt. Das Gelände grenzte an ein Wohnhaus, dessen Bewohner seit einem Jahr zwischen Bauzaun und Bushaltestelle hindurchmussten. An diese Nachbarn dachte in der Broschüre sonst niemand.
Er markierte einen Absatz und schob ihn nach oben.
Auf dem Telefon erschien Noras Name. Darunter ein Stück Nachricht: »Denk bitte an …«
Ja. Er drehte das Gerät mit dem Bildschirm nach unten.
Noch bis zur Bildunterschrift. Danach konnte er fahren. Die Tasche stand schon neben der Wohnungstür, allerdings die falsche, mit zwei Büchern und einem Moderationszettel von letzter Woche. Den Autoschlüssel hatte er auf den Küchentisch gelegt. Alles vorbereitet.